Allgemeines und juristische Fakten zum Umgang mit Diabetes in der Schule

Das neue Schuljahr hatte begonnen. Der Umgang mit Kindern, die an Typ-1-Diabetes (T1D) erkrankt sind, scheint nicht immer einfach. Oft geht es gut und die Lehrpersonen und die Schulen zeigen sich ohne grosses Aufheben und mit viel Engagement bereit, das Kind mit dem Diabetes «mitzunehmen». Manchmal ist jedoch der «Wurm» drin. Schulfragen rund um den T1D berühren verschiedene Ebenen. Swiss Diabetes Kids klärt hier auf und unterstützt. Dazu gehörte auch das Erstellen eines juristischen Gutachtens (finanziert durch die Schweizerische Diabetes Stiftung) zu den rechts- und haftungsrechtlichen Fragen. Prof. Gächter (Hauptautor) hatte am 15.06.19, dem ersten T1D-Tag in Olten, das Gutachten präsentiert und Fragen beantwortet..

Vorab existieren schon einige ausgewählte Informationen; die Hauptverantwortung für das Bildungswesen (sowie auch für die Gesundheitsversorgung) liegt bei den Kantonen. Gewisse juristische Fakten im Umgang mit Diabetes betroffenen Kindern sind jedoch schweizweit gültig:

  • Bei Entscheidungen steht das Kindswohl (auch das der anderen Schüler) an oberster Stelle.

  • Kinder mit Diabetes (ohne weitere relevante Einschränkungen) sind normal einzuschulen.

  • Die Eltern sind für die Therapie ihres Kindes verantwortlich. Sie sind zur Zusammenarbeit mit der Schule verpflichtet, dazu gehört die frühzeitige und adäquate Information der Schule über die Erkrankung.

  • Für die medizinische Versorgung während der Schulzeit ist die Schule verantwortlich. Dabei ist die nach den allgemeinen medizinischen (diabetologischen) Regeln gebotene Versorgung gemeint, nicht aber die optimale Therapie (das heisst: Kein Anspruch auf die perfekte Blutzuckereinstellung). Die Eltern können, gegen ihren Willen, nicht regelmässig in die Versorgung eingebunden werden.

  • Die Hilfestellung bei der Blutzuckermessung und Verabreichung des Insulins ist einer Lehrperson grundsätzlich zuzumuten. Im Notfall muss sie sogar wissen, wie zu messen ist und was zu tun ist. Die Verabreichung von Insulin per Spritze (Pen/Einwegspritze) ist in gewissen Kantonen bewilligungspflichtig (z.B. Zürich). In anderen Kanton ist die Verabreichung ohne Bewilligung erlaubt (z.B. BL, BS). Die Verabreichung von Insulin per Pumpe ist schweizweit ohne besondere staatliche Bewilligung erlaubt. Die Lehrperson darf also, je nach Kanton, alle medizinischen Massnahmen sogar selbst durchführen.

  • Der regelmässige Beizug des Spitex ist unverhältnismässig und deshalb nicht staathaft. Das Kind soll möglichst schnell seinen Diabetesalltag selbständig meistern, mit einer stabilen Betreuungspersonen kann das schneller realisiert werden. Stigmatisierung und Krankheitsnegierung (oder gar ein Krankheitsgewinn) sollen vermieden werden. Im Notfall muss die Lehrperson zudem auch ohne Spitex handeln können.

  • Ob die Schulleitung einem Lehrer verbieten kann, medizinische Massnahmen durchzuführen, ist nach kantonalem Weisungsrecht zu beurteilen. In dem Falle muss jedoch die Schule eine Alternative finden.

  • Die Haftungsfrage ist in jedem Kanton grundsätzlich geregelt. Ein Durchgriff direkt auf bestimmte Personen (Lehrer) ist äussert selten der Fall und wird nur bei grobfährlässigem Handeln erfolgen.

  • Es gibt subjektive Gründe, die in der Lehrperson selber liegen, die eine Hilfeleistung zu geben verunmöglicht (z.B. Phobien vor Spritzen). In diesem Fall liegt es in der Verantwortung der Schule dies bereits bei Schuleinteilung zu berücksichtigen oder ggf. raschestmöglich eine Lösung zu suchen. Dass eine Klasse bereits zu viele «special needs» Kinder hat, ist eine Frage der Schulorganisation und darf nicht dem Kind angelastet werden. Die Angst, man könne der Therapie nicht gerecht werden, kann mittels geeigneter Information beseitigt werden. Jede Person, die ein Hochschuldiplom in Pädagogik besitzt, kann objektiv den Umgang mit T1D lernen.

Einige Tipps für die Eltern, die je nach Therapie und Alter des Kindes anzupassen sind

Kommunikation

  • Informieren Sie die Schule frühzeitig über den Diabetes.

  • Sehen Sie die Schule als Ihre Partnerin an. Lassen Sie sich nicht beeinflussen von schlechten Beispielen, bei Ihnen wird es gut gehen!

  • Versuchen Sie, mit der Schule zusammen einen kurzen/sachlichen «Integrationsplan» zu erstellen (wer ist für was zuständig, wer ist wann wo erreichbar, Wichtiges und Kurzes über Therapie). Entbindung von der Schweigepflicht, Erklärung zur Verabreichung von Medikamenten können Bestandteil dieses Plans sein.

  • Bei Problemen in der Kommunikation holen Sie sich rechtzeitig Hilfe/Rat (z.B. von uns) und verfolgen Sie das Credo; juristische Schritte sind, wenn immer möglich, zu vermeiden, weil sie dem Kind meist nichts nützen – wer geht schon in eine Schule, gegen die man vor Gericht geht?

Medizinisches

  • Informieren Sie so kurz und sachlich wie nötig. Schüren Sie nicht unnötig Bedenken. Beispiel: Im gut besiedelten schweizerischen Mittelland ist während der normalen Unterrichtzeiten (anders bei Lagern oder ausserschulischen Aktivitäten) der Einsatz der Glucagenpitze kaum je nötig! Lassen Sie das Thema deshalb aus. Ideal ist, wenn die Schule im Notfall direkt den behandelnden Diabetologen anrufen kann. Im absoluten Notfall soll die Nr. 144 gewählt werden.

  • Verlangen Sie nicht zu viel von der Schule. Die Schule kann Ihnen keine perfekte Blutzuckereinstellung ermöglichen.

  • Ermutigen Sie die Lehrperson, Sie jederzeit zu kontaktieren. Das ist im Anfang besonders wichtig, bis alle sich ihrer Sache sicher sind.

  • Entbinden sie den behandelnden Arzt oder Ärztin, gegenüber der Schule, so früh wie möglich, von deren Schweigepflicht. Ermutigen Sie die Schule auch, direkt mit dem betreuenden med. Personal in Verbindung zu treten. So können Unsicherheiten, Fragen und Ängste direkt und «neutral» geklärt werden.

  • Bieten Sie eine medizinische Schulung der betreuenden Lehrperson am Schulort an. Je nach Situation empfiehlt es sich, diese durch eine neutrale medizinisch geschulte Person (Diabetesberater) durchzuführen – in der Regel geschieht das aber sehr gut auch durch die Eltern selber, zum Beispiel auch unter Einbezug des Kindes. Schulungen werden teilweise von ihrem behandelnden Arzt resp. seinem Team angeboten. Falls dies nicht der Fall ist, kontaktieren Sie uns, wir helfen Ihnen beim Organisieren.

  • Versuchen Sie Ihr Kind trotz Diabetes im Schulalltag raschmöglichst in die «Selbständigkeit» zu entlassen. Versuchen Sie, dies mit der Lehrperson auch so zu vereinbaren. Dass heisst, dass die nötigen med. Handlungen möglichst vom Kind selbst gemacht werden, die Lehrperson bietet vor allem Hilfestellung und Kontrolle an (zum Beispiel regelmässiges Erinnern an den BZ, ist die Insulineinheit richtig ausgerechnet und eingestellt?). Nehmen Sie auch «Fehler» in Kauf und loben Sie ihr Kind. Das ist nämlich eine tolle Leistung!

Messen und Spritzen in der Schule

  • Pumpenträger: Fragen Sie Ihr med. Personal, ob Sie die Abgabe des Bolus auf eine maximal Dosis beschränken können. So müssen Sie selber weniger Angst haben, dass eine falsche Bolusabgabe zu einem Notfall führen kann.

  • Bei einer möglichen Verabreichung von Medikamenten (Insulin, dass das Kind bei sich trägt) während der Unterrichtzeit muss ein schriftliches Einverständnis der Erziehungsberechtigten vorliegen.

Essen

  • Versuchen Sie die Pausenverpflegung so zu gestalten, dass möglichst keine Abgabe von Insulin während des Unterrichts nötig ist. Schreiben sie die Pausenverpflegung an (Kohlenhydrate, ggf. auch mit Insulineinheiten).

  • Geben Sie der Lehrperson auch Traubenzucker oder andere Hypokorrekturen in den Vorrat. Das Kind könnte im Pult beispielsweise eine "Hypo-Box" haben, die langsame und schnelle Kohlenhydrate beinhaltet.

Mitschüler

  • Entbinden Sie die Schule auch gegenüber den Mitschülern von der Schweigepflicht. Es lohnt sich, das Thema Diabetes auch im Klassenverband aufzunehmen. Kinder sind meist sehr an dem Thema interessiert und beschäftigen sich zum Beispiel auch gern mit der damit verbunden Technologie. Meist erscheinen den Mitschülern die Kinder, die beispielsweise eine Insulinpumpe tragen, sogar als recht cool.

  • Weisen Sie die Lehrperson (vor allem im Kindergarten und der Primaschule) auf mögliche Bücher hin (z.B. «Du schaffst das Marie»), anhand derer die Krankheit allen Kindern erklärt werden kann. Die Kinder gehen natürlich damit um. Vorurteile kommen von uns Erwachsenen und werden auch dort zementiert.

Nächste Schritte?

Im Hintergrund arbeiten wir weiter daran, zur Entschärfung von allfälligen Problemen in der Schule beizutragen. Bald finden Sie auf dieser Seite folgendes Material:

  • überarbeitete Merkblätter
  • Vorlagen für die Entbindung von der Schweigepflicht
  • Einverständniserklärung zur Abgabe von Medikamenten
  • Muster für Integrationspläne

Information am Rande: die "medizinischen" Tipps wurden fachärztlich kontrolliert. Schreiben Sei uns, wenn Sie Ergänzungen haben. 

 

Herzlichst, Caroline Brugger