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Technik - Rubrik

Martin informiert!

Liebe Swiss Diabetes Kids Mitglieder,

mit diesem Beitrag möchte ich eine Technik‑Rubrik starten. Dafür werde ich jeweils ein Thema auswählen, kompakt zusammenfassen und die Kernaussagen verständlich erklären. Ich freue mich über Rückmeldungen und Themenvorschläge – teilen Sie mir gerne mit, welche Fragen Sie aktuell beschäftigen.

Mein Dank gilt den Autor:innen des in Swiss Medical Weekly veröffentlichten Artikels „Swiss Diabetes and Technology recommendations“ und besonders Prof. Markus Laimer, Stellvertretender Klinikdirektor und Chefarzt der Klinik für Diabetologie, Endokrinologie, Ernährungsmedizin & Metabolismus (UDEM) am Inselspital in Bern für die Erlaubnis, den Beitrag hier übersetzt und zusammengefasst vorzustellen. Den vollständigen Originalartikel findet ihr hier: doi.org/10.57187/s.4632.

Für einen schnellen Überblick über in der Schweiz verfügbare Systeme verweise ich zudem auf die Tabellen im Anhang.

Martin Ullmann 

 

Diabetes‑Technologien bei Kindern & Jugendlichen in der Schweiz 

Kompakte Zusammenfassung und Einordnung für nicht-medizinische, aber erfahrene Leser:innen – basierend auf Swiss Diabetes and Technology recommendations, von Gastaldi G et al. in Swiss Med Wkly 2025;155:4632. 

1) Einordnung & Ziel 

Technologische Entwicklungen haben die Therapie des Typ‑1‑Diabetes in den letzten Jahren grundlegend verändert. In der Schweiz gelten kontinuierliche Glukosemesssysteme (CGM) inzwischen als Standardversorgung bei Typ‑1‑Diabetes und automatisierte Insulinabgabesysteme (AID, hybride Closed‑Loop‑Systeme) sind inzwischen so effektive in der Kontrolle des Blutglukoselevels, dass die Autor:innen empfehlen diese ebenfalls allen Menschen mit Typ-1-Diabetes zur Verfügung zu stellen. Die zugrundeliegende Publikation bietet eine umfassende Übersicht über verfügbare Geräte, deren technische Eigenschaften und Kompatibilitäten, die Evidenz in verschiedenen Bevölkerungsgruppen – inklusive Kindern und Jugendlichen – sowie über Kostenerstattung und praxisnahe Implementierung. Für junge Menschen mit Typ‑1‑Diabetes wird ein früher Einsatz von CGM und AID ausdrücklich empfohlen, flankiert von strukturierter Schulung und, wo sinnvoll, telemedizinischer Betreuung. Ziel ist eine effektivere, sicherere und alltagstaugliche Behandlung, die sowohl klinische Ergebnisse als auch Lebensqualität verbessert. 

2) Technologien im Überblick 

Glukose lässt sich mit dem Fingerstich (CBGM) messen. Das ist zuverlässig, aber aufwendig und jede Messung zeigt nur einen Momentwert. Moderne CGM/FGM‑Sensoren sitzen in oder auf der Haut und messen den Zucker im Gewebe alle paar Minuten. Sie zeigen den Verlauf und Trendpfeile und warnen bei sehr hohen oder sehr tiefen Werten. Wichtig: Zwischen Blut‑ und Gewebezucker gibt es eine kurze Verzögerung. Bei schnellen Änderungen – etwa Sport oder rasche Korrekturen – kann der Sensor 10 bis 15 Minuten hinterherhinken. Manche Medikamente (z. B. hohe Vitamin‑C‑Dosen, Paracetamol) und Fieber können Messwerte beeinflussen. Vorteile sind der kontinuierliche Überblick und Alarme. Mögliche Nachteile sind Hautreizungen, Verbindungsabbrüche, Datenlücken (bei FGM ohne regelmäßiges Scannen) und Alarm‑Müdigkeit. Insulin kann man spritzen, mit verbundenen Pens dokumentieren oder über eine Insulinpumpe abgeben. Pumpen gibt es mit Schlauch oder als Patch. Sie erlauben fein einstellbare Basalraten und verschiedene Bolusformen. Sensor‑unterstützte Pumpen pausieren die Abgabe bei drohender Unterzuckerung. AID‑Systeme verbinden Pumpe, CGM und Algorithmus, sie passen die Insulinabgabe automatisch an. Mahlzeiten und Sport müssen weiter angekündigt werden (hybrid). Es gibt auch offene AID‑Lösungen (z. B. Loop, AndroidAPS). Diese funktionieren oft sehr gut, haben aber keine formale Zulassung und keinen Herstellersupport. In der Schweiz gibt es dazu keine offizielle Position. Die Autor:innen sehen starke ethische Gründe, diese Optionen – nach Aufklärung über Aufwand, Support und rechtliche Aspekte – nicht grundsätzlich auszuschließen. 

3) Kinder & Jugendliche: Ziele, Indikationen und Alltag 

Für Kinder und Jugendliche sind die Ziele (empfohlen von der Schweizerischen Gesellschaft für pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie) ambitioniert, aber erreichbar. Mit moderner Technik lassen sich anstreben: HbA1c 6,5 % (sonst < 7,0 %). Bei CGM gilt: Time‑in‑Range (TIR) > 70 % (3,9–10,0 mmol/l), Time‑below‑Range (TBR) < 4 % (davon < 3,0 mmol/l möglichst < 1–2 %), Time‑above‑Range (TAR) < 25 %. Bei AID kann zusätzlich ein Time‑in‑Tight‑Range (TITR) > 50 % sinnvoll sein. Diese Werte zeigen Schwankungen, die ein HbA1c allein nicht abbildet. Sie helfen bei datennahen Entscheidungen im Alltag. CGM wird für alle Kinder und Jugendlichen mit Typ‑1 früh empfohlen (je nach System ab 2–4 Jahren). AID wird dringend empfohlen, wenn es zugelassen und passend ist (Altersgrenzen je nach System ab ca. 1–7 Jahren). Mit wachsender Selbstständigkeit zählen einfache Bedienung, diskrete Nutzung und flexible Zielwerte. Schule und Betreuung sollten eingebunden und geschult sein. Es braucht klare Pläne, Regeln für Sport und die Nutzung von Smartphone/Empfangsgeräten. Datenfreigaben (Eltern/Bezugspersonen) und Datenschutz werden vorab geklärt. 

Je nach Alter unterscheiden sich Bedürfnisse und Hürden deutlich. Kleinkinder und Vorschulkinder brauchen sehr kleine Insulinmengen; nicht jedes System ist für diese Altersgruppe zugelassen. Essen, Bewegung und Gefühle sind oft unvorhersehbar. Die Steuerung liegt primär bei den Eltern. Schulkinder müssen den Umgang mit Technik in Schule und Betreuungssituationen üben. Es braucht klare Sicherheitsregeln, erreichbare Ansprechpersonen und Schritt für Schritt mehr Eigenständigkeit. Jugendliche haben durch die Pubertät oft einen höheren Insulinbedarf und mehr Alltagswechsel. Sie übernehmen die Verantwortung zunehmend selbst. Dabei spielen Körperbild, Akzeptanz der Technik und auch Risikoverhalten eine Rolle. Wichtig ist eine offene Absprache zur Fernüberwachung und Datenteilung: Eine Einwilligung zur Übertragung von Sensordaten an Eltern oder Betreuungspersonen sollte bewusst thematisiert werden. 

4) In der Schweiz verfügbare Systeme – was ist relevant? 

Häufig genutzt werden FreeStyle Libre 2/3 (Plus) und Dexcom G6/G7. Beide sind alltagstauglich und mit vielen Smartphones kompatibel. Medtronic bietet eigene Sensoren (Guardian 4/Simplera Sync) zur Kopplung mit der 780G. Eversense E3 ist implantierbar, aber derzeit für Erwachsene gedacht (Anmerkung: Ende 2025 wurde der Eversense E3 vom Schweizer Markt genommen). Bei Pumpen gibt es Omnipod 5 (Patch, mit Dexcom), YpsoPump + CamAPS FX (mit Dexcom), MiniMed 780G (mit Guardian 4/Simplera Sync) und t:slim X2 + Control‑IQ (mit Dexcom). Sie unterscheiden sich bei Altersfreigaben, Zielwerten, Apps und Algorithmus‑Logik. Entscheidend ist, was zum Alltag passt: Patch oder Schlauch? Welche Alarme? Welche Grenzen (Alter, Gewicht)? Wie einfach ist Bedienung, Service und Datenaustausch? 

5) Nutzen und Grenzen – realistisch betrachtet 

CGM senkt nachweislich das Risiko für Unterzuckerungen, erhöht die Zeit im Zielbereich und erleichtert Entscheidungen. AID steigert die TIR zusätzlich (oft im zweistelligen Prozentbereich) und entlastet mental, weil die Insulinabgabe automatisch angepasst wird. Grenzen bleiben: Sensor‑Verzögerung, Störfaktoren, Mahlzeiten‑Ansage bleibt Pflicht, und jedes System braucht Einarbeitung. Wichtig sind Hautverträglichkeit, Tragekomfort, Verbindung, Alarme und Datenfreigaben. Ebenfalls realistische Erwartungen: AID‑Systeme nehmen Arbeit ab, ersetzen Aufmerksamkeit aber nicht – Lernen, Justieren und Anpassen bleiben notwendig.

6) Kostenerstattung: MiGeL/LiMA – was wird abgedeckt? 

Die Grundversicherung deckt vieles ab, aber die Regeln unterscheiden sich je nach MiGeL‑Position. CGM mit Alarm (Pos. 21.05) braucht eine spezialisierte Verordnung und oft eine Begründung (z. B. HbA1c > 8 % bei Start, schwere Unterzuckerungen, stark schwankende Verläufe). Die Kostengutsprache wird jährlich erneuert. Vorkalibrierte CGM/FGM (Pos. 21.06) sind für intensivierte Insulintherapie (auch Pumpe). Es gibt fixe Tages‑/Jahrespauschalen (z. B. Sensoren ~ 1’770 CHF/Jahr; Empfänger in Mehrjahres‑Intervallen). Pumpen: meist Miete (~ 10.11 CHF/Tag inkl. Service/Leihgerät). Verbrauchsmaterial kann zusätzliche Kosten verursachen. Zusatzversicherungen regeln Mehrleistungen unterschiedlich. AID‑Algorithmen sind nicht separat tarifiert; die Abdeckung läuft über Pumpe/Sensor. Klären Sie dies früh mit dem Diabetologie-Endokrinologie Zentrum und/oder ihrer Krankenkasse ab.

7) Steuerung mit CGM‑Metriken: Ziele alltagsnah nutzen

Zielwerte: TIR > 70 %, TBR < 4 % (davon < 3.0 mmol/l möglichst < 1–2 %), TAR < 25 % – über mindestens 14 Tage. Mit diesen Werten passt man fokussiert an: Basalraten, Kohlenhydrat‑Faktoren, Korrekturfaktoren, Alarme, Pre‑Bolus und Sport‑Einstellungen. Im Alltag zählt die Richtung: kleine, stabile Verbesserungen bei wenig Unterzuckerungen sind ein Erfolg.

8) Empfehlungen der Autor:innen für Kinder & Jugendliche

Empfohlen wird CGM möglichst früh zu starten – ideal ab Diagnose – und über strukturierte Programme zu schulen (z. B. Diabetes‑Selbstmanagement-Schulung und ‑Unterstützung, plus AID‑Training). AID aktiv anbieten, wenn zugelassen, verfügbar und passend. Die Systemwahl richtet sich nach Trageform, App‑Ökosystem, Zielwertlogik und Service. Schule/Betreuung werden einbezogen: Notfall‑ und Kommunikationspläne, Zuständigkeiten, Technik‑Akzeptanz. Telemedizin kann eine dichtere Betreuung bieten ersetzt jedoch nicht die persönliche Konsultation; Datenschutz nach revDSG beachten.

9) Ausblick

Wir erwarten mehr Interoperabilität zwischen Geräten, Daten Fern-Analyse und die Integration der mentalen Gesundheit, alltagstauglichere Alarme sowie klare Schulungsprogramme für AID. In der Schweiz sind einheitliche Telemedizin‑Abläufe und eine konsistente Erstattungslogik für digitale Bausteine weiterhin Themen. Insgesamt profitieren Kinder und Familien von einem frühen und gut begleiteten Einsatz der Technik – medizinisch und im Alltag.

Welche Fragen stelle ich meinem Diabetesteam bei der Systemwahl?

• Welche Ziele (TIR/Hypoglykämien/Alltagserleichterung) sind bei meinem Kind prioritär und welches System passt dazu am besten?

• Haben Sie in Ihrer Praxis/Klinik bereits Kinder/Jugendliche mit einem hybrid Closed‑Loop‑System? Welche Erfahrungen (Erfolge, typische Stolpersteine) sehen Sie im Alltag?

• Für welches Alter/Gewicht und welche Alltagsprofile (Sport, unregelmäßige Mahlzeiten, Kitas/Schule) ist dieses System besonders geeignet – und wann eher nicht?

• Welche Feinjustierungen (Zielwerte, Temp‑Ziele, Sportprofile) sind im ersten Monat üblich?

• Welche Sensor‑ und Set‑Wechselintervalle, Hautverklebungen und Alternativen gibt es bei Hautempfindlichkeit oder häufigem Sport/Schwitzen?

• Wie ist die Datenanbindung (App, Follow‑Funktion, Klinikzugang), und wie regeln wir Datenschutz und Zugriffsrechte für Eltern/Betreuungspersonen?

• Welche Apps/Plattformen nutzen Sie in der Sprechstunde – und wie teilen wir Daten sicher?

• Wie sehen MiGeL‑Abdeckung, Bewilligungsweg, jährliche Gutsprache und eventuelle Zusatzkosten aus, und wer unterstützt bei der Kommunikation mit der Kasse?

• Wie läuft das Onboarding (Schulung, Notfallplan bei Pumpenstörung/Ketose), welche Kontaktwege gibt es bei Fragen?

 

 

Tabellen 2–4 aus: Swiss Medical Weekly 2025;155:4632

Quelle: Swiss Diabetes and Technology recommendations – deutsche Übersetzung (unverändert inhaltlich, formatiert für Übersicht).

Tabelle 2: In der Schweiz verfügbare Systeme zur kontinuierlichen Glukosemessung (CGM)

Firma CGM‑System Mobile App Benutzer-Konto  Betriebssystem 
Abbott FreeStyle Libre 2 und Plus; FreeStyle Libre 3 und Plus FreeStyle LibreLink; FreeStyle Libre 3; LibreLinkUp (Follow) LibreView iOS, Android 
AscensiaEversense® Eversense® App  iOS, Android 
Dexcom Dexcom G6®; Dexcom G7® Dexcom G6®; Dexcom Follow / Dexcom G7®; Dexcom Follow; Clarity Dexcom Clarity iOS, Android 
Medtronic Simplera™ (nicht kompatibel mit Medtronic‑Pumpe) CareLink Mobile; MiniMed™ Mobile; Guardian App CareLink (Software) iOS, Android 
Roche Accu‑Chek® SmartGuide Accu‑Chek® SmartGuide Accu‑Chek® Care iOS, Android 

*Anmerkung: Ende 2025 wurde der Eversense E3 vom Schweizer Markt genommen

Tabelle 3: Verfügbare Hardware zur automatisierten Insulinabgabe (AID, hybride Closed‑Loop‑Systeme)

Firma / Gerät Insulinpumpe AID‑System Smartpens 
Insulet Omnipod DASH®; Omnipod® 5 Omnipod® 5 (2025) – 
Medtronic MiniMed™ 670G; 740G; 780G MiniMed™ 780G mit Active SmartGuard InPen™ 
Medtrum TouchCare® Nano Pumpe TouchCare® Nano CGM; EasyPatch® App – 
Novo Nordisk – – EchoPen® 6; NovoPen® 5 
Roche Accu‑Chek® Insight; Accu‑Chek® Combo (Auslistung bis 03/2025 bzw. 2026); Accu‑Chek® Solo (nur Bestandskund:innen) Diabeloop (mit Insight‑Pumpe; Auslistung bis 03/2025; Versorgung endet bis 12/2025) – 
Tandem t:slim X2 Control‑IQ – 

 

Tabelle 4: Datenplattformen und Software

Firma / Gerät Mobile App Benutzer‑Konto / Plattform Betriebssystem 
Abbott FreeStyle Libre 2; FreeStyle Libre 3 (LibreLink) LibreView iOS, Android 
Ascensia Eversense App; Contour® Diabetes App Eversense DMS Pro; Glooko iOS, Android 
Dexcom Dexcom G6; Dexcom G7; Clarity (App/Software) Glooko; Tidepool iOS, Android 
Insulet Glooko; Tidepool – – 
Medtronic CareLink Mobile; MiniMed Mobile; Guardian App CareLink (Software) iOS, Android 
Medtrum EasyPatch; EasyTouch EasyView Pro iOS, Android 
Roche mySugr; Accu‑Chek® Care Accu‑Chek® SmartPix 2; YourLoops iOS, Android 
Tandem Glooko; Tidepool – – 
Ypsomed mylife App mylife Software; Glooko; Tidepool Android und iOS (ab Mitte 2025) 

 

Hinweis: Diese Übersetzung folgt den Tabellen 2–4 des Artikels. Begriffe, Produktnamen und Markenzeichen wurden unverändert übernommen.

Quelle: Swiss Med Wkly 2025;155:4632 – Swiss Diabetes and Technology recommendations (Tabellen 2–4).