Wie war es damals vor 30-40 Jahren mit dem Diabetes Typ 1?

Wie war es damals vor 30-40 Jahren mit dem Diabetes Typ 1?

Bei Martin Ruegge wurde der Diabetes Typ 1 im Alter von etwa 2 Jahren diagnostiziert. Seitdem lebt er mit dieser autoimmunen Erkrankung. Wir haben uns schon das zweite Mal zum Austausch getroffen, seitdem meine Tochter an Diabetes Typ 1 erkrankt ist. Er ist für mich ein sehr positives Beispiel, dass man diese Krankheit gut managen kann, und dass die Werte im Kindsalter nicht perfekt sein müssen, um ein gutes und normales Leben führen zu können. Er treibt viel Ausdauersport (rennt bis zu 100km oder absolvierte einen Langdistanztriathlon), arbeitet als Ernährungsberater in Bern und hat eine kleine Tochter. Wenn Ihr Fragen an ihn habt, findet Ihr seine Kontaktdaten problemlos im Internet.

Wie war es früher bei dir mit der Diabetesbehandlung? Hattest du auch Spritzen zum Aufziehen?

Ja, das hatte ich auch. Ich wurde nach der Teuscher-Methode behandelt. Alles wurde abgewogen, nicht nur Lebensmittel mit Kohlenhydraten. Gemüse, Käse, Fleisch… Ich hatte sozusagen eine Diät.

Jeweils am Morgen und Abend wurde ein Langzeitinsulin mit einem schnellwirkenden Insulin zusammen gemischt. Und eine Zwischenverpflegung um eine bestimmte Uhrzeit war ein Muss. Als Jugendlicher bin ich dann irgendwann auf die F.I.T. Methode umgestiegen (Funktionelle Insulintherapie).

Ich hatte früher noch ein Blutmessgerät namens „Reflolux“. Es war ein grosser Apparat. Zuerst hatte man auf den Teststreifen einen Tropfen Blut tropfen lassen und eine Minute gewartet. Danach musste man den Blutstropfen wegwischen, resp. abstreifen und wieder eine Minute warten, bis das Resultat auf dem Display erschien.

Seit wann bist du selbstständig, was das Messen und Spritzen betrifft?

Mit etwa 8 bis 9 Jahren, seit dem ersten Diabetikerlager, wurde ich selbstständig. Zwischen 10 und 12 Jahren hatte ich dann meinen ersten Pen.

Machst du regelmässige Untersuchungen? Lässt du dir z.B. die Augen oder die Füsse regelmässig untersuchen?

Die Augen lasse ich mir einmal im Jahr untersuchen. Die Füsse habe ich mir als Kind nie untersuchen lassen. Irgendwie war es nicht nötig. Erst als ich viel Inlineskates gefahren bin, und die ersten Blasen zum Vorschein kamen, dachte ich, es wäre mal eine gute Idee dies zu tun.

Ich lasse mir die Füsse beim Endokrinologen untersuchen. Auch eine gut ausgebildete Diabetesfachberaterin kennt sich auf diesem Gebiet sehr gut aus und kann solche Untersuchungen durchführen. Da wird geprüft, ob die Nerven noch gut funktionieren. Und ab und zu gönne ich meinen Füssen einen Besuch bei einer Podologin.

Seit wann hast du dein Dexcom?

Seit etwa 10 Jahren. Ich konnte eine Woche lang testen, konnte den Dexcom quasi von der Diabetesberatung ausleihen. Beim nächsten Besuch habe ich mir dann ein Dexcom ausgesucht.

Heute bist du Ernährungsberater. Wie kam es dazu? Hatte Diabetes einen Einfluss darauf oder warst du schon immer vom Thema „Ernährung“ fasziniert?

Diabetes hatte sicher einen Einfluss darauf. Bei der Berufsberatung kam unter anderem heraus, dass der Beruf Koch oder Ernährungsberater zu mir passen würden. Da ich nicht unbedingt länger die Schulbank drücken wollte, habe ich zuerst eine Lehre als Koch absolviert und danach habe ich mich zum Ernährungsberater weiterbilden lassen.

Da ich mich schon als kleines Kind mit Lebensmitteln auseinander gesetzt habe, hat mich dieses Gebiet wohl so gereizt.

Seit wann betreibst du intensiv Sport? Kam es krankheitsbedingt oder aus Interesse?

Das Interesse kam nach und nach. Als Kinder fuhren wir viel Inlineskates, machten Rennen, spielten Unihockey auf der Strasse. Da fing es an. Also Schritt für Schritt.

Wie sieht es aus wenn man nervös ist, und Emotionen mit einem durchgehen?

Wenn Emotionen vorhersehbar sind, z.B. vor einem wichtigen Ereignis/Sportwettkampf oder so, dann empfehle ich, die Basalrate bei der Pumpe im Voraus zu erhöhen. So kann man dem Blutzuckeranstieg ein bisschen entgegenwirken.

Es heisst, dass Prüfungen wiederholt werden können, wenn man überzuckert ist, da man ja wie „krank“ ist. Wie siehst du das?

In meiner Schulzeit stand dies nicht zur Diskussion. So etwas kannten wir nicht. Das war noch unbekanntes Terrain.

Als ich meine Töffliprüfung absolvierte, hatte ich einen Blutzucker von 22 mmol/L. Die Prüfung hatte ich trotzdem geschafft. Aber ich finde es gut, dass man mit solchen Strategien heutzutage für mehr Chancengleichheit sorgt!

Hast du Angst vor nächtlichen Hypos?

Ich habe keine Angst. Ich erwache in der Nacht manchmal scheinbar ohne ersichtlichen Grund. Wenn ich den Zucker messe, ist er meist tief, sodass ich Traubenzucker nehmen kann. Danach schlafe ich einfach ruhig weiter.

Ausserdem schüttet die Leber Zucker aus, falls der Wert zu tief wird. Zudem ist dank dem Dexcom, der bei tiefen Werten Alarm gibt, noch mehr Sicherheit vorhanden.

Wie sieht es aus mit Folgeschäden?

Ich habe bisher zum Glück noch keine.

Kann es sein, dass eher Menschen mit Diabetes Typ 2 Folgeerkrankungen haben? Viele wissen lange Zeit nicht, dass sie Diabetiker sind.

Das weiss ich nicht. Tatsache ist dies: Früher konnte man den Zuckerwert nur bei einem Arzt messen, ansonsten wurde mittels Urinstreifen getestet. Meine Eltern haben anfänglich meine Diabetestherapie auf Urinmessungen abgestützt! So war es schwierig, die Behandlung korrekt einzustellen. Und wenn man über lange Zeit schlecht eingestellt war, war das Risiko für Folgeerkrankungen viel höher.

Heute habe ich mit dank den Glukosesensoren eine 24h Überwachung – da kann ich viel genauer einstellen und das Risiko sinkt. Solange ich die Möglichkeiten nutze…

Wer einmal an einer Autoimmunerkrankung erkrankt, kann mit grösserer Wahrscheinlichkeit an weiteren Autoimmunerkrankungen leiden. Ist das bei dir ein Thema?

Ein Thema im Hinterkopf schon, ich hatte aber bisher Glück. Es werden regelmässig Tests gemacht, aber bisher ist bei mir keine weitere Immunerkrankung diagnostiziert worden.

Worauf achtet man am besten beim Essen? Wie verhalten sich Anteile an Kohlenhydraten, Fett und Eiweiss auf den Blutzucker?

Das Fett verzögert den Anstieg des Blutzuckers. Mit der Pumpe könnte man bis zu 3 Stunden verzögert Insulin abgeben. Aber nicht nur Kohlenhydrate werden mit Insulin verstoffwechselt. Auch Fett und Eiweisse brauchen etwas Insulin, um verarbeitet zu werden.

Für sehr umfangreiche Mahlzeiten braucht der Körper etwas mehr Insulin. Bei mir sind es ungefähr 0,5 IE.

Wie sieht es mit Alkohol aus?

Schlimm ist es dann, wenn man zu tief ins Glas schaut. Der Alkoholabbau blockiert die Leber. Wenn man den Blutzucker mit einer zu hohen Insulinabgabe korrigiert, sinkt er dann umso drastischer, da die Leber nicht mehr eingreifen kann. In kleinen Mengen genossen, muss man sicher auch schauen, dass man nicht mit einem zu knappen Blutzucker ins Bett geht, aber das Risiko ist kleiner.

Wie sieht dein Management während dem Hochleistungssport aus, z.B. wenn du an einen Triathlon gehst?

Wenn ich schwimmen gehe, ist ein Wert von 8-12 mmol/L ideal. Ich habe so kleine Energiegels von Isostar im Ärmel des Neoprenanzugs. Etwa eine Stunde vor dem Sport reduziere ich meine Basalrate stark oder stelle sie auf Null, kleinere Mengen Kohlenhydrate muss ich unterwegs auch nie abdecken.

Machst du Pause zwischen dem Essen und Sport?

Eine Pause zwischen dem Essen und Sport ist ideal. Am besten min. 60 Minuten. Falls ich keine Pause machen kann, spritze ich weniger Insulin fürs Essen. Meistens reduziere ich die Basalrate oder schalte sie ganz ab.

Misst du deinen Zucker auch während dem Sport?

Ja. Das Dexcom-Gerät ist für mich sehr hilfreich, da ich immer sehe, wie sich der Blutzucker gerade entwickelt.  

Nimmst du Energieriegel oder Gels vor dem Sport?

Meistens habe ich ein isotonisches Getränk dabei. Die Basalrate setze ich oft auf 0. Dann trage ich in meinen Sport-Shirts kleine Häppchen mit mir herum, z.B. Marzipan, Energieriegel, Weissbrot und natürlich immer Traubenzucker. Aber es kommt immer auf die Intensität und Dauer des Trainings an.

Wie wirkt sich der Sport auf den Diabetes-Gesamtzustand aus?

Sehr positiv. Es hat eine doppelte Wirkung:
a) Wenn man trainiert, ist für mich der Blutzucker besser einstellbar, man ist sportlich fitter, und zudem motivierter, um den Blutzucker gut einzustellen.
b) Nach dem Sport stabilisiert sich der Zucker und man hat stabilere Werte. 
Für mich ist der Sport auch eine Kraftquelle und ein Ventil, danach habe ich wieder mehr Kraft, mich um den Diabetes zu kümmern – der doch oft auch anstrengend ist!

Gibt es markante Veränderungen zwischen dem Kindheits-, Pubertäts- und Erwachsenenalter?

Je älter man wird, desto stabiler ist der Blutzucker – ausser während der Pubertät. Die Pubertät fand ich als schwieriger als die Kindheit. Bis ins Erwachsenenalter schwanken die Werte viel mehr.

Ein geregelter Tagesablauf und Reduktion von Stress wirken sich positiv auf die Werte aus. Während meiner Lehre als Koch hatte ich viel mehr Schwankungen. Ein ausgeglichener Alltag ist im Blutzuckerwert ersichtlich.

Was war dein höchster und niedrigster HbA1C-Wert?

Der höchste Wert ist so zwischen 9,0 und 9,5.  Den Tiefsten hatte ich gerade bei meiner letzten Messung: 6,5.

Worauf bist du am meisten stolz?

Dass ich mich vom Diabetes nie habe aufhalten lassen. Ich habe alles (was erlaubt ist) was ich wollte, versucht! Ich teste meine Grenzen immer wieder aus, ohne ein zu grosses Risiko einzugehen. Mit meiner Frau und meiner kleinen Tochter sind wir sehr viel und spontan unterwegs – mein Diabetes ist dabei nie ein Grund, etwas nicht zu machen (ausser aus gesetzlichen Gründen).

Merci Martin, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast und deine wertvollen Informationen mit uns geteilt hast!